SUE GIERS: "MODE IST FÜR MICH EINE FORM SICH AUSZUDRÜCKEN,

EIN LEBENSGEFÜHL ZU TRANSPORTIEREN."

 

 

 

Sue Giers ist in der deutschen Modebranche vielen bekannt. Jahrelang war sie als PR-Chefin für die Modemarke Closed tätig. Heute ist sie die Inhaberin der Hamburger Luxusboutique Linette und Gründerin des Onlinemagazins SoSue. Eine Frau, die sich mit Themen wie Mode und Stil bestens auskennt.

Wir besuchen Sue in ihrer schönen Wohnung in Hamburg und stellen ihr einige Fragen, natürlich über Mode und Stil.

  

 

Was bedeutet Mode für Dich?

 

Ich habe mich schon immer für Mode interessiert und die Trends verfolgt. Mode ist für mich eine Form sich auszudrücken, ein Lebensgefühl zu transportieren.

Ich fand es immer schon spannend, neue Trends auszuprobieren. Wobei ich nicht unbedingt jedem Trend folge, es muss zu mir passen. Zum Glück gibt es heutzutage nicht nur einen Trend pro Saison, sondern mehrere. Und ich entscheide meist impulsiv, ob der mir gefällt oder nicht.

 

 

Wie würdest Du den Kleidungsstil der Frau in Deutschland beschreiben?

 

Also das ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Mir fällt auf, dass Frauen in München gern zu kräftigen Farben greifen und viel selbstverständlicher hohe Schuhe tragen. Im Norden, wie in Hamburg siehst du High Heels nicht im Straßenbild, eher nur auf Abendveranstaltungen. Ich glaube, das hängt davon ab, wo man lebt. Hier in Eppendorf zum Beispiel mögen es die Frauen eher bequem. Es gibt viele junge Frauen, die Kinder haben. Die sich vielleicht eine Pause vom Job genommen haben und einfach froh sind, dass sie diesen ganzen Busineslook hinter sich lassen können. Sie möchten sich beim Spaziergang um die Alster in Jeans und T-Shirt einfach wohlfühlen. Während man sich in München trotzdem schick macht, egal ob man Kinder hat oder nicht. Das ist eine Lebenseinstellung. Vielleicht ist es in Hamburg der Einfluss des Hafens und der Reeperbahn. Deshalb sind die Frauen hier im Norden taffer. Es herrscht ein rauhes Klima, und dementsprechend ist auch die Kleidung: viel Kaschmir, viel Dunkelblau, viel Denim. Auch wenn die Frau mal eine Bluse trägt, trägt sie auf jeden Fall Denim dazu und keinen engen Rock.

 

 

Die Mehrheit der Frauen in Deutschland kleidet sich eher praktisch und unauffällig: Wolfskin Jacke, Jeans, Turnschuhe…

Was denkst Du darüber?

 

Die deutsche Frau will funktionieren, wir haben einen großen Kontrollimpuls. Wir können schwer entspannen und loslassen und wollen uns immer optimieren. Und das spiegelt sich auch im Kleidungsstil wider. Niemand möchte als zu modisch gelten, nicht den Eindruck erwecken, dass sich zu viele Gedanken über Kleidung gemacht wird. Wenn man ein farbiges Top (womöglich noch mit Print) kauft, müssen wir uns schon wieder Gedanken machen, wie wir es kombinieren. Und das ist kompliziert. Es geht halt mehr um Funktion, und da siegt die Funktion über das Gefühl. Während die Frau etwas anprobiert, fragt sie sich nicht „Wie fühle ich mich damit?“ oder „Was macht dieses Kleidungsstück mit mir?“ Diese Fragen werden zu wenig gestellt. Die Persönlichkeit könnte so viel mehr durch Farben oder Styles unterstrichen werden.

 

 

Was fehlt Dir am meisten am Stil der deutschen Frauen?

 

Ich vermisse die Ästhetik, aber vor allen Dingen auch dieses Savoir-vivre, diese Lässigkeit.

Wenn du mich fragen würdest, welche Frauen in Europa lässig sind, dann würde ich mich für die Französinnen entscheiden. Ich mag es, wie sie „out-of-bed“ in irgendetwas Tolles reinspringen. Sie haben ein gutes Körpergefühl und wissen, was ihnen steht. Ihre Outfits sind zwar lässig und leger, aber trotzdem ist immer etwas Besonderes dabei. Ein roter Schuh oder ein anderes interessantes Accessoire. Und so gehen sie los und bewältigen ihren Tag und sehen trotzdem feminin und sexy aus.

 

Hat sich Dein Modestil im Laufe der Zeit verändert?

 

Eine Zeitlang, als ich in New York gelebt habe, gab es nur Vintage-Sachen für mich. Allein schon preislich! Später in den Schwangerschaften konnte ich es gar nicht mehr, allein wegen dem Geruch! Nach den Geburten meiner Kinder hat sich mein Stil verändert, die Funktion hat gesiegt. Eine Zeitlang habe ich meine Kleidung meinem Lebensstil angepasst und eigentlich nur Jeans mit T-Shirts oder Sweatshirts getragen. Ich hatte Angst, schöne Blusen anzuziehen, weil ich einfach keine Lust hatte, die ständig in die Reinigung zu bringen.

Als die Phase abgeschlossen war und die Kinder größer wurden, fand ich es schön, mich modisch wieder mehr ausleben zu dürfen. Ich habe oft Fehlkäufe gemacht, weil ich ein Bild von mir hatte, was nicht mehr mit mir übereinstimmte. Aber das ist halt das Schöne an diesem Prozess, dass man irgendwann weiß, was einem steht und was nicht.

 

 

Fühlt sich die Frau anders, wenn sie ein Kleid anhat?

 

Ich liebe es, Kleider zu tragen, und ich habe viele lange Kleider bei mir im Schrank.

Wenn ich ein Kleid anhabe, fühle ich mich, als würde ich schweben. Dieses Gefühl finde ich total schön. Es muss aber zu der Situation und zu meiner Laune passen.

 

Welchen Typ Frau findest Du besonders interessant? Wann ist eine Frau Deiner Meinung nach weiblich? Gibt es Frauen die Du bewunderst?

 

Es gibt für mich keinen bestimmten Typ. Ich finde Frauen per se total faszinierend. Wenn ich eine interessante Frau sehe, schaue ich sie mir gerne an. In meinem Kopf spielt sich sofort ein Film ab, ich frage mich dann, woher sie wohl kommt und wer sie ist. Und wenn mir gefällt, was sie anhat, habe ich überhaupt keine Scheu, sie darauf anzusprechen und ihr ein Kompliment zu machen. Das habe ich in Amerika gelernt und es fühlt sich für beide schön an.

Ich bewundere Frauen, die es schaffen, ihre Individualität und ihre Persönlichkeit so zu präsentieren, dass es authentisch rüberkommt und nicht wie eine Maske aussieht..

Ich finde Meryl Streep und Julianne Moore toll. Sie tragen Kleidung, die ihrem Typ entspricht. Diese Frauen sind für mich tolle Beispiele, die zeigen, dass die wahre Schönheit mit dem Alter kommt.

Außerdem finde ich auch „schräge“ Frauen toll, wie zum Beispiel Leandra Medine von Man Repeller. Sie hat einen coolen Humor. Und da ist etwas Besonderes in ihrem Gesicht. Sie sieht halt nicht so „glatt“ aus, und dieses gewisse Etwas macht sie spannend. Und ich mag es, wie sie die Sachen kombiniert. Das sind die Frauen, die mir spontan einfallen.

 

 

Was ist für Dich wichtig an einer Tasche? Funktionalität, Ästhetik oder beides?

 

Die Tasche muss auf jeden Fall schön sein, und sie muss sich auch gut anfühlen. Das ist für mich das Allerwichtigste. Klar habe ich verschiedene Taschen, aber ich bin nicht jemand, der sie täglich wechselt. Ich habe immer mal wieder eine Tasche, die ich wochenlang tragen kann, bis ich dann merke, dass ich Lust auf eine andere habe.

Allerdings nehme ich abends beim Weggehen nur ein kleines Portemonnaie und eine kleine Tasche mit. Dabei siegt die Funktionalität nicht unbedingt, ich möchte das Gefühl von Leichtigkeit genießen. Und die Tasche muss so leicht sein, dass man sie nicht richtig spürt, wenn man sie umhat.

 

 

 

Text: Jana Rat

Fotos: Sophia Mahnert

                                                                                                                                                                                                                                                                           zurück >

 

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